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Mobil oder stationär? Das hängt von Inhalten und Zielgruppen ab

Demnächst jährt sich zum zehnten Mal die Einführung des iPhones. Mit der Neuerfindung des Mobiltelefons hat Apple nicht zuletzt den digitalen Journalismus revolutioniert, auch wenn längst Android-Geräte den Markt dominieren. Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom lesen 43 Prozent der Internetnutzer auf Smartphones Online-Nachrichten zu Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur.

Bei manchen Diskussionen kann man den Eindruck gewinnen, ein journalistisches Digitalangebot sei umso „avancierter“, je höher der Anteil der mobilen Visits ist. Unter rein technischen Gesichtspunkten ist so ein Urteil berechtigt. Zugriffe auf Mobile-enabled Websites – so der offizielle Begriff von AGOF und IVW – kann es nur geben, wenn ein Medium seine Internetangebote, hinsichtlich Layout, Technologie und Usability für eine Darstellung auf mobilen Endgeräten optimiert hat. Das ist keineswegs überall der Fall. Insgesamt sind 1.820 Angebote bei der IVW gelistet, Mobile-enabled Websites bieten aber nur 766 Angebote.

Neben der Technik sind jedoch auch die Inhalte relevant und – damit verbunden – die Zielgruppen. Dies lässt sich recht gut nachvollziehen wenn man sich einmal die jüngste Entwicklung bei verschiedenen Nachrichten- und Wirtschaftsmedien ansieht, die teils breitere, teils spitzere Zielgruppen aufweisen. Es handelt sich, von Bild abgesehen, um Websites von LAE-Medien, von Medien also, die in der Leseranalyse Entscheidungsträger erfasst werden.

Bei den drei reichweiten- und zugriffsstärksten Seiten – also bei Bild, Spiegel online und Focus online – gab es im Verlauf des letzten Jahres eine nachhaltige Wende zugunsten der mobilen Visits (Grafik unten). Mobile Visits machten im Oktober bei Bild.de 54 Prozent aus, bei Spiegel online 57 Prozent und bei Focus online 61 Prozent. Diese Seiten haben relative hohe Anteile junger Nutzer, die viel unterwegs sind und kompakte Infos zur Überbrückung von Wartezeiten an der Haltestelle zu schätzen wissen, „Snackable Content“, wie Marketingleute sagen.

 

Bei Websites von überregionalen Tageszeitungen (Grafik unten) sieht das Bild etwas anders aus. Auch hier stiegen die mobilen Visits im Jahresverlauf trendmäßig, während die stationären sanken. Möglich, dass sich die Kurven bald schneiden, doch noch entfällt mehr als die Hälfte der Visits auf die stationäre Nutzung. Ein Grund könnte die höhere Gewichtung der Wirtschafts- und Finanzberichterstattung sein. Wenn´s ums Geld geht, präferieren viele Nutzer womöglich doch den größeren Screen mit Tastatur. „Geldleute lesen gründlicher als Bücherliebhaber“, meinte jedenfalls Bertolt Brecht, „sie wissen besser, was für Nachteile aus flüchtiger Lektüre entstehen.“

Ein anderer Grund dürfte in der Zielgruppenstruktur liegen. Arrivierte Führungskräfte, die mit dem Dienstwagen ins Büro fahren, stellen hier relativ hohe Anteile. Und sie können sich (sofern sie keinen Chauffeur haben) nicht während der Fahrt via Smartphone über die Morgennachrichten informieren. So hören sie eher Radio und nutzen im Tagesverlauf für vertiefende Informationen wohl eher ein Notebook als ein Smartphone.

Bei Wirtschaftsmedien fällt der Anteil mobiler Visits noch etwas niedriger aus als bei Websites der General-Interest-Tageszeitungen (Grafik unten). Beim Handelsblatt betrug der Anteil der mobilen Visits im Oktober knapp ein Drittel, beim Manager Magazin ein Viertel und bei der Wirtschaftswoche 41%. Im Verlauf des letzten Jahres stieg zwar auch hier die Zahl der mobilen Visits zu Lasten der stationären an, doch es handelt sich nicht um eine radikale Umschichtung. Bei Finanzmedien wie Boerse.de und Boerse-online.de (grafisch nicht dargestellt) erreichte der Anteil stationärer Visits im Oktober fast 80 Prozent.

Bei allen Nachrichtenseiten liegt übrigens der Peak der mobilen Nutzung im Juli 2016, dem Monat, der besonders nachrichtenstark war. Am meisten hat sicher der Amoklauf von München die mobilen Visits in die Höhe getrieben. Die Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs und die Unklarheit über die Gefährdung hielt die Stadt über Stunden in Atem. Bei Süddeutsche.de war der Juli denn auch der einzige Monat, in dem die mobilen Visits geringfügig über den stationären lagen.

2017-09-28T19:38:14+00:00 Dezember 1st, 2016|Insights|0 Kommentare

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