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Nachrichtennutzung über Social Media: Internationale Vergleiche

„Wenn eine Nachricht wirklich wichtig ist, wird sie mich finden.“ Dieser Ausspruch eines “digital native” – er soll aus einer Gruppendiskussion von US-Trendforschern stammen – wurde im März 2008 in der New York Times zitiert. Seither wurde er millionenfach in Reden und Artikeln, in Posts und Tweets weiterverbreitet – als Menetekel für den professionellen Journalismus, als vermeintlicher Beleg dafür, dass Facebook, Twitter & Co ihn zunehmend an den Rand drängen würden.

Anekdotische Evidenz kann offenbar, wenn sie viral gut funktioniert, Vorurteile und Übertreibungen begünstigen. Wie sonst wäre zu erklären, dass werben & verkaufen Anfang Juni 2016 berichtete, das Pew Research Center habe ermittelt, „dass sechs von zehn erwachsenen US-Bürgern ihre Nachrichten nur noch aus Social-Media-Kanälen beziehen“.

Statt „nur noch“ hätte es korrekt heißen müssen „unter anderem“. Mehr noch: Wenn man auf die Häufigkeitsverteilung blickt, empfangen nach der betreffenden Studie 38 Prozent „never“ und weitere 18 Prozent „hardly ever“ Nachrichten über Social Media. Die Mehrheit von 56 Prozent konsumiert also nie oder kaum jemals Nachrichten über Facebook & Co. Ein Viertel empfängt „manchmal“ Nachrichten über Social Media, und lediglich 18 Prozent tun dies „oft“. Doch selbst diese Häufignutzer ziehen womöglich neben Social Media auch noch andere Nachrichtenquellen heran.

Die Frage, wie viele US-Bürger Social Media tatsächlich als einzige Nachrichtenquelle nutzen, lässt sich anhand einer anderen Studie  beantworten: Es sind vier Prozent. Das geht aus dem Digital News Report hervor, den das in Oxford ansässige Reuters Institute for the Study of Journalism herausgibt. Die Untersuchung erscheint seit 2012 jährlich und erfasst in der aktuellen Version 26 Länder. Die Feldarbeit besorgt das Institut YouGov mit Stichproben aus seinem Online-Access-Panel. Die Grundgesamtheit umfasst Internetnutzer ab 18 Jahre in den jeweiligen Ländern. Als Kooperationspartner für die deutsche Teilstudie fungiert das Hans-Bredow-Institut an der Universität Hamburg. Zwei Mitarbeiter dieses Instituts, Sascha Hölig und Uwe Hasebrink, haben jetzt in Media Perspektiven 11/2016 unter dem Titel „Nachrichtennutzung über soziale Medien im internationalen Vergleich“ eine differenzierte Analyse veröffentlicht, auf die sich das Folgende stützt.

Im Durchschnitt aller 26 erfassten Länder, das zeigt die Grafik unten, nutzen 52 Prozent der Internetnutzer soziale Medien als eine Nachrichtenquelle neben anderen. Hauptnachrichtenquelle sind Social Media für 12 Prozent und einzige Nachrichtenquelle für ledigleich zwei Prozent. Soziale Medien haben demnach als Nachrichtenquelle beträchtliche Bedeutung, dienen aber vor allem als Zusatz zu Medien wie TV, Radio, Print und digitalen Angeboten der Zeitungen und Nachrichtenmagazine.

Die Grafik führt aus Platzgründen nur die größeren europäischen Länder sowie die USA und Japan einzeln auf. In Deutschland kommt den sozialen Medien unterdurchschnittliche Bedeutung zu: 31 Prozent nutzen sie als Nachrichtenquelle, sechs Prozent als Hauptnachrichtenquelle. Bemerkenswert ist auch, dass diese Ergebnisse für die USA kompatibel sind mit den oben zitierten des Pew Research Centers. Das Reuters Institute ermittelt 14 Prozent mit Social Media als Hauptnachrichtenquelle (aber eben nur vier Prozent als alleiniger), das Pew Research Center nennt 18 Prozent, die Social Media häufig nutzen.

Nun bezog sich die Mafo-Anekdote aus der New York Times von 2008 nicht auf die geamte Online-Bevölkerung, sondern auf “digital natives”. Doch auch sie beschränken ihren Nachrichtenkonsum keineswegs auf soziale Medien, wie die Grafik unten zeigt. Zwar ist die Social-Media-Nutzung in erwarteter Weise altersabhängig, in Deutschland ebenso wie im Durchschnitt aller 26 Länder. Doch gerade mal fünf Prozent der 18- bis 24-Jährigen vertrauen darauf, dass eine wirklich wichtige Nachricht sie über Social Media schon erreichen wird und verzichten ganz auf Editorial Media. Diese Minderheit neigt aber auch überdurchschnittlich zur Ignoranz gegenüber “Hard News” aus Politik und Wirtschaft und interessiert sich eher für “weichere” Nachrichten, zum Beispiel über Lifestyle und Prominente.

Die Neigung, Nachrichten über Social Media zu empfangen ist nicht nur vom Alter, sondern auch vom Geschlecht abhängig: In Deutschland nutzen 28 Prozent der Männer, aber 33 Prozent der Frauen Social Media als Nachrichtenquelle. Im Durchschnitt der 26 untersuchten Länder sind es 48 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen. In allen Ländern interessieren Männer sich überdurchschnittlich für “Hard News”, Frauen für “Soft News”.

Facebook ist international wie auch in Deutschland die weitaus meistgenutzte Social-Media-Plattform (Grafik unten). Knapp 52 Prozent der deutschen Onliner ab 18 Jahre nutzen Facebook, gut die Hälfte von ihnen empfängt dort auch Nachrichten. Im internationalen Durchschnitt wird Facebook insgesamt mehr genutzt (rund 67 Prozent), zudem fällt auch die Nachrichtennutzung mit 44 Prozent deutlich höher aus. WhatsApp ist in Deutschland überdurchschnittlich verbreitet, wird aber nur zum geringen Teil für den Austausch von Nachrichten eingesetzt. Twitter wird in Deutschland insgesamt weniger als im Schnitt der 26 Länder genutzt, die Affinität zu Nachrichten ist aber deutlich höher als bei WhatsApp. Instagram und Snapchat sind für Deutschland in Sachen Nachrichten kaum relevant.

Wer Social Media für den Nachrichtenkonsum einsetzt, wurde auch nach den Motiven gefragt. Facebook & Co bieten eine einfache Möglichkeit, auf verschiedene Quellen zuzugreifen. So lautet in Deutschland das meistgenannte Motiv für die Nachrichtennutzung über Facebook & Co. (Grafik unten). Neben der Quellenvielfalt wird vor allem die Verbreitungsgeschwindigkeit geschätzt, die Möglichkeit, sich schnell über aktuelle Schlagzeilen zu informieren.

Bemerkenswert: Das Teilen und Kommentieren von Nachrichten sowie das Wissen um die Präferenzen von Freunden – also gewisse Community-Aspekte – spielen für Nutzer ab 55 Jahre eine größere Rolle als für “digital natives”.

Social Media, kein Zweifel, sind für den Strom der Nachrichten und Meinungen heute wichtiger als im Jahr 2008. Doch der damals von der New York Times zitierte Spruch  “If the news is that important, it will find me” ist entgegen allen Prophezeiungen nirgends zum Leitmotiv geworden. Auch in der jüngsten Altersgruppe nutzen 95 Prozent Editorial Media neben Social Media.

2017-09-28T20:06:27+00:00 Dezember 22nd, 2016|Insights, Topthema|0 Kommentare

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