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Media-Analyse: Verblassen die alten Rollenbilder?

Der Abschied von traditionellen Rollenklischees ist ein weithin akzeptiertes gesellschaftliches Ziel, ebenso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Geschlechter. In der Gleichstellungs- und Familienpolitik der Bundesregierung spielen diese Ziele seit langem eine wichtige Rolle. Tatsächlich hat sich vieles verändert: Frauen sind besser ausgebildet denn je, ihre Erwerbsbeteiligung  ist gestiegen, Möglichkeiten der Kinderbetreuung wurden ausgebaut, neue Ganztagsschulen nahmen den Betrieb auf, flexible Arbeitszeitmodelle wurden eingeführt, eine Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen gesetzlich fixiert. Parallel dazu wurden den Männern Anreize zur stärkeren Familienorientierung gegeben. Die Einführung des Elterngeldes bezeichnete der damalige Regierungssprecher Thomas Steg vor zehn Jahren laut Spiegel online gar als “kopernikanische Wende in der Familienpolitik”.

Derart gravierende Veränderungen, so sollte man meinen, werden sich auch im Leseverhalten niederschlagen. Wenn sich Lebenswelten von Männern und Frauen annähern, wenn kulturell tradierte Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder allmählich verblassen, erscheint eine Tendenz zur Angleichung der Informationsinteressen und des Medienverhaltens folgerichtig. Was sagt die Media-Analyse dazu? Anhand von Zeitreihen der letzten acht Jahre, kann in der Datenbank von PZ Online geprüft werden, wie sich die Leserstrukturen einzelner Titel und Segmente entwickelt haben.

Die Grafik unten links zeigt zunächst die Nachrichtenmagazine. Durch die Ursprungswerte, die von Jahr zu Jahr schwanken, wird jeweils ein linearer Trend gezogen. Der Stern hatte seit jeher einen anderen Themen-Mix als Spiegel und Focus und eine andere Bildsprache. Er war und ist der Geschlechterparität vergleichsweise nahe. Doch bei keinem der drei Titel ist seit 2010 ein nennenswerter Trendanstieg des Frauenanteils in der Leserschaft festzustellen. Bei den Wirtschaftsmagazinen – Grafik unten rechts – fallen Schwankungen um den jeweiligen linearen Trend stärker aus als bei den Nachrichtenmagazinen. Das hat mit kleineren Fallzahlen und größeren statistischen Schwankungsbreiten zu tun. Entscheidend ist auch hier der Trendverlauf. Ein leichter Trendanstieg des Frauenanteils beim manager magazin wird durch rückläufige Frauenanteile bei Wirtschaftswoche und Capital überkompensiert. Weitere ursprünglich „männlich“ geprägte Zeitschriftensegmente wie Computermagazine, Motorpresse oder Techniktitel zeigen ebenfalls keine Tendenz zur Feminisierung der Leserschaft.

Elternmagazine und Wohnzeitschriften gelten nach herkömmlichen Rollenbildern als Medien, die vornehmlich von Frauen genutzt werden. „ … und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“, hieß es schließlich schon in Schillers „Lied von der Glocke“. Greifen nun endlich die emanzipierten Männer mehr zu Ratgebern für die häuslichen Belange? Davon kann keine Rede sein (Grafiken unten). Der Männeranteil in der Leserschaft von Eltern und familie & co nimmt im Trend sogar deutlich ab, bei Eltern family ist er annähernd stabil. Bei drei führenden Wohnzeitschriften – Schöner wohnen, Zuhause wohnen und Wohnidee – geht ebenfalls der Männeranteil trendmäßig zurück statt anzusteigen. Bei Esszeitschriften sieht es ähnlich aus (wobei Beef in der Media-Analyse noch nicht erhoben wird).

Ein Fazit? Zur Ehrenrettung emanzipierter Frauen und Männer ließe sich die Möglichkeit anführen, dass sie „gender gaps“ beim Lesen im Internet reduzieren. Allerdings haben Allensbacher Forscher die Interessen selbst untersucht, nicht nur die Mediennutzung. „Es ist bemerkenswert“, stellt Renate Köcher, die Leiterin des Allensbacher Instituts, gegenüber dem Magazin der Süddeutschen Zeitung fest, „wie stabil die Interessensunterschiede von Männern und Frauen sind“. Kein Zweifel, da bleibt viel Raum für weitere Forschung.

2017-09-28T17:11:23+00:00 Februar 2nd, 2017|Insights|0 Kommentare

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